Wissen - Kennenlernen

Handaufzucht - superzahme Nymphensittiche?

Feline, die Schmusebacke
Feline lässt sich von Mensch und Nymph kraulen

Immer häufiger wird in Kleinanzeigenmärkten mit superzahmen Handaufzuchten geworben. Das klingt toll und da sich viele Menschen zahme Nymphensittiche wünschen, greifen viele Menschen zu und zahlen die hohen Preise.

Aber was heißt denn eigentlich "Handaufzucht" und was gibt es sonst? Zunächst ein paar Begriffsdefinitionen.

Begriffe rund um das Thema Handaufzucht

Begriffsdefinitionen rund um die Handaufzucht
Begriff Erläuterung
Kunstbrut Die Eier werden dem Brutpaar weggenommen, in einem Brutapparat ausgebrütet und anschließend von Hand aufgezogen. Dies erfolgt eher bei größeren Papageienarten. Bei Nymphensittichen ist dies keine gängige Methode.
Handaufzucht (HA oder HZ) Ganz allgemein wird unter „Handaufzucht“ die Fütterung von Jungvögeln durch den Menschen verstanden. Dazu werden die Küken von den Vogeleltern getrennt.

Dies geschieht bei einer geplanten und vollständigen Handaufzucht, sobald die Eltern die Kleinen nicht mehr mit Kropfmilch versorgen.

Die Fütterung durch den Menschen erfolgt je nach Alter mehrmals täglich und auch nachts (im Extremfall alle 2 Stunden) mit Hilfe einer Kropfsonde oder einer Plastikspritze. Gefüttert wird dabei spezielles Handaufzuchtfutter. Es ist ein Brei, der jeweils frisch angerührt werden muss bzw. sollte.
Teilhandaufzucht (THA oder THZ) Die meisten angebotenen Nymphensittichküken sind Teilhandaufzuchten.

Hierunter versteht man die Handaufzucht ab einer vom Züchter festgelegten Lebenswoche. In der Nymphensittichaufzucht werden zur Handaufzucht vorgesehene Küken meist mit 3 Wochen oder auch später von den Vogeleltern getrennt. Eine frühere Trennung wird schon aufgrund der notwendigen Fütterung in der Nacht nicht grundlos vorgenommen.
Nothandaufzucht (NHA oder NHZ) Muss man das oder die Küken von seinen Eltern trennen, weil diese die Küken z.B. stark rupfen oder verstirbt ein Elternteil, spricht man von einer Nothandaufzucht.

Hier kann die Trennung von den Eltern schon vor der dritten Lebenswoche, aber auch später erfolgt sein. Dies ist jeweils zu erfragen.

Bei Züchtern, die regelmäßig „Nothandaufzuchten“ haben stimmt etwas nicht. Ist es immer das gleiche Brutpaar, wo Hilfe des Menschen nötig ist, so sollte man dieses Paar nicht mehr brüten lassen. Sind es unterschiedliche Paare, dann ist die Ursache meist in der Haltung zu suchen.
Isolierte Handaufzucht Bei der isolierten Handaufzucht wird nur ein einzelnes Küken von Hand aufgezogen. Das Küken hat keinen direkten Kontakt zu Artgenossen, also keine Geschwister, die mit in der Brutbox sitzen und es sieht auch seine Vogeleltern nicht.
Naturbrut (NB) Unter einer Naturbrut versteht man durch die Eltern in Gefangenschaft ausgebrütete Eier (Zucht), wo die Küken durch die Vogeleltern großgezogen (gefüttert) und gehudert (gewärmt) werden.

Der Züchter schaut täglich nach den Küken und wiegt sie regelmäßig, um zu sehen, ob alle Küken sich gut entwickeln. Er greift erst ein, wenn es Probleme geben sollte und versucht die Küken so lange wie möglich bei den Eltern zu belassen.
Futterfest Ein Küken ist futterfest, wenn es sich vollständig durch eigene Nahrungsaufnahme am Leben erhalten kann und nicht mehr auf die Fütterung durch die Eltern oder den Züchter angewiesen ist. Bei Nymphensittichen (Naturbrut) ist dies mit ca. 6–8 Wochen der Fall.
Jungvögel zur weiteren Handaufzucht Hierbei handelt es sich um Jungvögel, die noch nicht futterfest sind und weiterhin vom Menschen mit Brei gefüttert werden müssen.

Dieser Schritt birgt für einen ungeübten Halter die Gefahr, dass der Vogel stirbt, da er mit etwaigen Komplikationen völlig überfordert ist und mögliche Probleme erst gar nicht erkennt.

Gründe für Handaufzucht

Elternfütterung
Fütterung durch die Eltern
  • Die Küken werden von ihren Eltern nicht mehr oder zu unregelmäßig gefüttert.
  • Ein Elternteil erkrankt oder verstirbt.
  • Das Küken wird von den Eltern stark gerupft.
  • Das Küken wird von den Eltern verstoßen und aus dem Nest geworfen.

In solchen Fällen spricht man von Notfällen (Nothandaufzuchten), um das Leben des Kükens zu erhalten. Hierfür hat sicherlich jeder Verständnis. Eine vollständige Trennung ist nicht immer notwendig. Je mehr Kontakt zu den Eltern erhalten bleibt, desto besser. Manchmal reicht es aus, ein wenig zuzufüttern und den Eltern damit zu helfen.

Für die beabsichtigte Handaufzucht gibt es zwei Gründe:

  • Die Arterhaltung bedrohter Vogelarten (Hierzu zählen Nymphensitttiche nicht!).
  • Die Prägung auf den Menschen, um dem Vogel die Angst vor dem Menschen zu nehmen und so superzahme Vögel verkaufen zu können.

Wann ist ein Nymphensittich zahm?

Maxi kommt oft zum Menschen
Maxi mag Brillen und Männer

Die Definitionen vom dem was "zahm" ist, gehen häufig weit auseinander. Einige Kriterien dabei sind:

  1. Der Halter kann sich dem Nymphensittich nähern, ohne dass er flüchtet.
  2. Der Nymphensittich wirkt entspannt, wenn sein Halter an den Käfig kommt und er zeigt keine Angst, wenn er der Hand auch manchmal ausweicht.
  3. Der Halter kann Wasser und Futter wechseln, ohne dass der Nymphensittich Angst vor der Hand zeigt.
  4. Der Nymphensittich frisst Hirse oder andere Leckerchen aus der Hand.
  5. Der Nymphensittich kommt für Futter auf die Hand geflogen und bleibt darauf sitzen während er frisst.
  6. Der Nymphensittich kommt auch ohne Futter auf den Kopf und die Schulter geflogen.
  7. Der Nymphensittich kommt freiwillig zum Halter und der Halter dient als Kletterbaum.
  8. Der Nymphensittich steigt manchmal auf die Hand des Halters, wenn ihm danach ist.
  9. Der Nymphensittich steigt immer und ohne Zögern auf die Hand.
  10. Der Nymphensittich lässt sich kraulen, wenn der Halter dies anbietet.
  11. Der Nymphensittich kommt von selbst und möchte vom Halter gekrault werden.
  12. Der Nymphensittich fordert seine Krauleinheiten beim Halter vehement ein und zwickt oder beißt zu, wenn er sie nicht bekommt.
  13. Der Nymphensittich hat jegliche Angst vor dem Menschen und anderen Bewohnern und Gegenständen in seiner Umgebung verloren, sich nähernde Schritte veranlassen ihn nicht vom Boden aufzufliegen oder seinen Platz auf dem Sofa zu verlassen, wenn sich ein Mensch nähert (der ihn womöglich gar nicht gesehen hat).
  14. Der Nymphensittich folgt seinem Halter auf Schritt und Tritt und schreit, wenn er außer Sichtweite ist.
  15. Der Nymphensittich wird aggressiv und greift andere Menschen mit Flugmanövern an, wenn sie "seinem" Menschen zu nahe kommen oder auch nur den Raum betreten, in dem er sich befindet.

Die aufgezählten Punkte sind ungefähr auch die Stufen von Zahmheit, die Nymphensittiche durchlaufen. Die Reihenfolge in einigen wenigen Punkten kann vertauscht sein. Viele Nymphensittiche zeigen Angst vor Händen, weshalb man diesen Punkt etwas ausklammern muss. Dies gilt für Handaufzuchten, genauso wie für Naturbruten.

Wenn man sich die Punkte so durchliest, wünschen sich viele Halter wohl alles bis ca. Punkt 11. Ab Punkt 12 wird es unangenehm. Und genau dann, wenn sich solche Verhaltensweisen zeigen, ist der Punkt erreicht, wo der Kontakt zum Menschen auch für den Vogel beginnt ungesund zu werden.

Alle Verhaltensweisen können sowohl Handaufzuchten, als auch Naturbruten zeigen.

Auf viele der gängigen Vorurteile über Handaufzuchten und Naturbruten möchten wir daher näher eingehen.

Vorurteile rund um Handaufzucht und Naturbrut

Naturbruten sind und bleiben scheu

Naturbruten sind und bleiben scheu

Traurigerweise muss man sagen, dass auch ein natürlich aufgezogener Nymphensittich alle 15 Stufen erreichen kann. Dies ist sogar sehr wahrscheinlich, wenn er einzeln gehalten wird und der Halter sich viel mit ihm beschäftigt.

Die Erfahrung zeigt, dass selbst Nymphensittiche, die nach der Aufzucht zu zweit oder gar im Schwarm gehalten wurden, nicht immer scheu bleiben. Ob ein Nymphensittich sich seinem Halter stark anschließt hat viel mit der Intensität der Beschäftigung und dem Charakter des Vogels zu tun. Dafür bedarf es nicht mehrerer Stunden täglich, sondern nur wenige Minuten am Tag. Wichtig ist vor allem Regelmäßigkeit.

Eine gute Möglichkeit sich mit seinen Vögeln sinnvoll zu beschäftigen ist das Clickertraining. Hier kann geübt werden auf Kommando in den Käfig zu gehen oder auch in den Transportkäfig, auf den Arm zu fliegen, aus der Spritze zu trinken, etwas aus der Hand zu nehmen und vieles mehr.

Wer nun sagt, dass er dazu nicht in der Lage ist, der sollte sich überlegen, ob er denn überhaupt genug Zeit für die Vogelhaltung mitbringt. Gerade Handaufzuchten benötigen stärker als Naturbruten den täglichen Kontakt zu ihren Menschen.

Naturbruten muss man einzeln halten, damit sie zahm werden

Naturbruten muss man einzeln halten, damit sie zahm werden

Auch dies ist ein Gerücht das sich hartnäckig hält. Es stimmt aber, dass man einen Nymphensittich recht schnell durch Einzelhaltung und trotz Naturbrut fehlprägen kann. Manchmal reichen dafür schon wenige Monate aus. Im Ergebnis ist das nicht viel anderes als eine absichtliche Handaufzucht. Verhaltensstörungen sind sehr wahrscheinlich.

Handaufzuchten sind aufgrund der Art der Aufzucht gut für die Einzelhaltung geeignet

Handaufzuchten sind aufgrund der Art der Aufzucht gut für die Einzelhaltung geeignet

Das ist falsch. Wer eine Handaufzucht alleine hält wird große Gefahr laufen alle 15 Stufen zu erreichen und damit einen verhaltensgestörten Nymphensittich heranziehen. Dies zeigt sich aber erst, wenn das Tier erwachsen ist, also mit ca. 7 - 9 Monaten.

Es ist immer wichtig einen Schwarmvogel wie den Nymphensittich gemeinsam mit Artgenossen (also weiteren Nymphensittichen) zu halten. Bei einer Handaufzucht führt die Einzelhaltung jedoch ungleich schneller zu starken Verhaltensstörungen (Schreien, Aggressivität gegenüber dem Halter, Rupfen usw.). Das zeigt sich aber frühestens mit Eintritt der Geschlechtsreife.

Handaufzuchten sind und bleiben immer super zahm

Handaufzuchten sind und bleiben immer super zahm

Das stimmt so nicht. Es kommt stark darauf an, wie (liebevoll) und ab welchem Alter die Handaufzucht durchgeführt wurde. Manche Handaufzuchten mögen ebenso wenig Hände, wie manche Naturbrut und umgekehrt.

Handaufzuchten, die direkt nach der Aufzucht in einem größeren Schwarm gehalten werden, werden sicherlich auch weiterhin zutraulich sein, doch besteht je nach Intensität der Beschäftigung mit den Nymphensittichen die Möglichkeit, dass sie sich umorientieren.

Handaufzuchten sind verhaltensgestört

Handaufzuchten sind verhaltensgestört

Zum Glück ist auch das nicht immer zutreffend. Auch bei Handaufzuchten ist es so, dass nicht alle von ihnen Verhaltensauffälligkeiten zeigen. Leider ist aber die Wahrscheinlichkeit sehr viel höher, insbesondere in Einzelhaltung und auch bei Haltern, die ganztags zu Hause sind und sich viel mit den Tieren beschäftigen. Genau solche Menschen suchen ja oft ein besonders zahmes Tier.

Auch Anfänger in der Nymphensittichhaltung, die sich ein besonders unkompliziertes Tier wünschen und eben häufig zu Handaufzuchten greifen, laufen Gefahr sich einen Problemvogel anzuschaffen. Niemand weiß alles und gerade zu Beginn macht auch jeder Halter Fehler. Handaufzuchten lassen solche Fehler sehr viel eher zu als Naturbruten. Bei einer Naturbrut im Schwarm ist es unwahrscheinlich, dass sie sich z.B. den Rücken streicheln lässt, selbst, wenn es ein zutrauliches Tier ist. Eine Handaufzucht ist da viel eher aufgeschlossen. Das Streicheln des Rückens bei einer Henne wird diese jedoch als Tretakt interpretieren.

Die Wahrscheinlichkeit, dass so ein Vogel sich trotz Artgenossen den Menschen als Partner aussucht ist mehr als groß und Verhaltensstörungen sind vorprogrammiert. Fehler dieser Art sind menschlich und doch eigentlich unverzeihlich und in seiner Auswirkung dramatisch für Mensch und Tier. Dies ist aber nur ein Beispiel dessen, was man falsch machen kann. Gerade als Neuling weiß man nicht, was natürliches Verhalten ist und was nicht. Man wird an vielen Stellen unnatürliches Verhalten positiv bestärken oder Dinge tun, die man besser nicht täte und damit Verhaltensstörungen wahrscheinlicher machen, wenn man es auch gar nicht möchte.

Handaufzuchten sind krankheitsanfälliger und sterben eher

Handaufzuchten sind krankheitsanfälliger und sterben eher

Ob ein Vogel krankheitsanfälliger ist als der Durchschnitt ist schwer zu sagen. Dies hängt von vielerlei Faktoren ab. Was man sagen kann ist, dass nicht jede Handaufzucht krankheitsanfällig ist und früh stirbt. Handelt es sich aber um Nothandaufzuchten, die schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt beginnen mussten, so steigt die Gefahr an. Besonders Handaufzuchten ab dem Schlupf sind gesundheitlich kritisch. Die Kropfmilch der ersten Tage kann kaum künstlich ersetzt werden.

Empirische Studien über höhere Sterberaten sind uns nicht bekannt. Dadurch, dass Handaufzuchten kaum natürliche Angst zeigen, birgt ihr Leben im Wohnraum der Menschen jedoch wesentlich größere Gefahren als bei natürlich aufgezogenen Vögeln.

Auch kann der Züchter viele Ernährungsfehler machen, die zu Mangelerscheinungen und lebenslangen Krankheiten führen. Die speziellen Handaufzuchtfutter sind jedoch grundsätzlich gut geeignet gesunde Küken aufzuziehen. Schlechte Hygiene bei der Fütterung (keine Handschuhe, keine Desinfektion der Fütterungsspritzen usw.) kann das Immunsystem dauerhaft schwächen. Und man weiß nicht, wie sich eine Trennung auf die Psyche tatsächlich auswirkt.

Natürlich kann auch der Züchter von Naturbruten Fehler machen. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit geringer, da die Vögel instinktiv das allermeiste beherrschen, wenn gewisse Rahmenbedingungen passen.

Handaufzuchten sind nicht zu verpaaren

Handaufzuchten sind nicht zu verpaaren

Auch das ist so nicht korrekt. Wurde eine Handaufzucht "resozialisiert", so kann sie sich durchaus verpaaren und sogar Nachwuchs großziehen. Sehr unwahrscheinlich ist dies jedoch dann, wenn der Zweitvogel ebenfalls fehlgeprägt ist und sich allein deshalb erst gar kein Paar bildet oder dann, wenn die zwei Vögel einfach nicht mit einander harmonieren.

Handaufzuchten werden nicht abgegeben, weil sie so eng mit dem Halter verbunden sind

Handaufzuchten werden nicht abgegeben, weil sie so eng mit dem Halter verbunden sind

Tja, schön wäre das ja, doch muss man auch hier sagen, dass das schlichtweg nicht stimmt. Nymphensittiche wechseln leider oft den Besitzer und Zahmheit spielt dabei nicht immer eine Rolle. Insbesondere die Fälle, die ein Verhalten ab Punkt 12 zeigen, werden gerade deshalb auch oft abgegeben. Der Halter ist mit dem andauernden Geschrei und den Attacken überfordert, genervt oder merkt einfach, dass er nicht die nötige Zeit hat, die Bedürfnisse des Vogels zu erfüllen. Vielleicht erkennt er auch jetzt endlich, dass ein Mensch niemals alle Anforderungen an einen Vogelpartner erfüllen kann.

Selbst wenn es keine offensichtlichen Probleme im Verhalten gibt, weil der Halter seine Handaufzucht von Beginn an im Schwarm gehalten hat, werden auch solche Tiere abgegeben. Bei einer Lebenserwartung von 15 bis 30 Jahren ist es quasi vorprogrammiert, dass sich Lebensumstände ändern und es nicht immer möglich ist sein geliebtes Tier zu behalten.

Teilhandaufzuchten (ab der dritten Woche) sind völlig in Ordnung, weil die Tiere dann schon genug Sozialverhalten erlernt haben

Teilhandaufzuchten (ab der dritten Woche) sind völlig in Ordnung, weil die Tiere dann schon genug Sozialverhalten erlernt haben

Das klingt gut, stimmt aber leider auch nicht. Das Sozialverhalten erlernen Nymphensittiche erst dann, wenn die Eltern nicht mehr Tag und Nacht mit der Fütterung und dem Stopfen hungriger Mäuler beschäftigt sind. Eine Handaufzucht ist auch für den Züchter erst ab der dritten Woche einigermaßen durchführbar, denn da kann so langsam auf die nächtliche Fütterung verzichtet werden und auch tagsüber bekommen die Kleinen nur noch alle 3 - 4 Stunden Futter. Eine Handaufzucht ab dem Ei ist bei einem Nymphensittich zudem so gut wie unmöglich. Das gelingt nur sehr wenigen Züchtern und da es für die Zahmheit auch gar nicht nötig ist so früh zu beginnen, überlassen die meisten Züchter den schwierigsten Teil der Arbeit gerne noch den Vogeleltern.

Natürlich ist es gut, dass sie zumindest so lange bei den Eltern verbringen durften, doch eine richtige Sozialisierung findet erst statt, wenn die kleinen Nymphensittiche selbstständig fressen. Erst dann haben die Eltern genug Zeit ihnen beizubringen was ein Vogel wissen muss. Fehlt diese Zeit, ist sie unwiederbringlich verloren. Lediglich andere Altvögel in einem Schwarm wären in der Lage diese Aufgabe teilweise zu übernehmen. Zwei Handaufzuchten aus einem Gelege können sich gegenseitig kaum etwas beibringen.

Mit kleinen Küken muss man sich intensiv beschäftigen und mit ihnen spielen

Mit kleinen Küken muss man sich intensiv beschäftigen und mit ihnen spielen

Auch so etwas liest man auf Seiten von Züchtern, die Handaufzucht betreiben. Dabei schadet auch das den Küken, die normalerweise im Alter weniger Wochen maximal kurz zum Wiegen aus dem dunklen Kasten genommen werden. Vor dem Ausfliegen ist eine längere Beschäftigung oder gar das Spielen purer Stress für die kleinen Vögel. Man kann nur hoffen, dass dieses Argument lediglich dazu dient den hohen Kaufpreis zu rechtfertigen und dass die Tiere wenigstens nach der Fütterung direkt wieder ihre Ruhe haben.

Handaufzuchten haben weniger Angst und damit weniger Stress, wenn sie z.B. zum Tierarzt müssen

Handaufzuchten haben weniger Angst und damit weniger Stress, wenn sie z.B. zum Tierarzt müssen

Sicherlich haben Handaufzuchten weniger Angst vor dem Menschen. Sie haben ja häufig überhaupt keine Angst mehr vor irgendetwas, weil ihnen durch die Art der Aufzucht die natürliche Angst abhanden gekommen ist. Natürlicherweise sind Nymphensittiche Fluchttiere.

Fehlende Angst mit weniger Stress gleich zu setzen wäre jedoch nicht sachgerecht. Für den Halter ist es ohne Frage stressfreier, wenn er den Vogel einfach greifen oder auf die Hand nehmen, untersuchen und in eine Transportkiste setzen kann, doch Stress hat dadurch auch ein zahmer Vogel. Nymphensittiche, egal ob Handaufzucht oder nicht, können sehr gut unterscheiden, ob ein in die Hand nehmen nötig war, um ihnen eventuell zu helfen oder nicht. Auch scheuere Vögel verzeihen Medikamentengaben sehr schnell.

Zu glauben ein zahmer Nymphensittich hätte keinen Stress, nur weil er nicht panisch im Käfig umher springt ist ebenso falsch. Auch hier ist es unerheblich, ob es sich um eine Handaufzucht handelt oder um eine zahme Naturbrut. Beide empfinden bei unbekannter Umgebung, Unruhe, Autofahren usw. genauso Stress wie ihre scheueren Kollegen.

Handaufzuchten sind perfekt geeignet für die Wohnungshaltung

Handaufzuchten sind perfekt geeignet für die Wohnungshaltung

Auch für Naturbruten ist der Aufenthalt im menschlichen Wohnraum schon sehr gefährlich. Bei Handaufzuchten, die weniger Angst zeigen, ist das Leben ungleich gefährlicher. So gesehen wohnt besser gar kein Nymphensittich im Wohnraum. Eine (genügend große, sicher gebaute und gut betreute) Außenvoliere ist für jeden Nymphensittich eine tolle Sache.

All diese Gedanken und Punkte haben dazu geführt, dass wir die gewollte Handaufzucht ablehnen. Dies sind die Gründe dafür.

Gründe gegen Handaufzucht

Kraulen mit den Eltern
Menschenhände können nicht so kraueln
  • Küken und Eltern leiden unter der Trennung und das sicherlich stärker, wenn sie die ersten Wochen bereits zusammen verbracht haben.
  • Die Küken können von ihren Eltern nicht lernen, was ein Vogel lernen sollte. Was ein Vogel in Bezug auf sein Leben mit den Menschen lernen muss, kann er jederzeit erlernen.
  • Die Gefahr, dass aus Handaufzuchten mit Erreichen der Geschlechtsreife verhaltensgestörte Nymphensittiche werden, die schreien, aggressiv werden oder sich rupfen ist ungleich höher als bei Naturbruten
  • Leben Naturbruten von Beginn an im Schwarm oder mindestens zu zweit ist eine Fehlprägung, wie bei einer Handaufzucht, sehr unwahrscheinlich. Von Verfechtern der Handaufzucht wird gerne das Argument vorgebracht, dass auch Naturbruten zu rupfen beginnen. Ja, richtig, es gibt unzählige Gründe weshalb Nymphensittiche zu rupfen beginnen, es sind sehr empfindsame Wesen. Und gerade deshalb sollte man nichts tun, was die Gefahr solcher Auswirkungen erhöht.
Füttern durch die Eltern
da schlabbert nichts vorbei
  • Jede Handaufzucht bedarf eines erfahrenen Züchters. Beim Sammeln von Erfahrung wird jeder Züchter Fehler machen, die sich negativ auf die Tiere auswirken. Sicherlich hat auch nahezu jeder Züchter schon Küken während der Handaufzucht durch eigene Fehler verloren. Verbrannte Kröpfe wegen zu heißem Nahrungsbrei, zu starke Umgebungstemperatur, wo Küken gekocht wurden (kein Scherz!) oder auch zu niedrige, wo sie erfroren sind, zu viel Nahrung, zu wenig Nahrung usw. Die Liste ist endlos und nicht wenige Küken mussten dabei sterben, andere tragen lebenslange Gesundheitsschäden davon. Welch Tragik, wenn die Eltern die Aufzucht bestens erledigt hätten.
    Durch den bewussten Kauf von Handaufzuchten fördert man diese Art des Sammelns von Erfahrungen.
  • Handaufzuchten sind nicht die zahmen Kuschelvögel als die sie verkauft werden. Gerade Anfänger in der Haltung wissen nicht, was "normal" für einen Nymphensittich ist und können sich oftmals nicht in dem Maß zurück nehmen, wie es nötig wäre, damit Verhaltensstörungen vermieden werden.
  • Handaufzuchten sind einfach unnötig. Auch Naturbruten werden zahm, besonders, wenn sie liebevoll und täglich durch den Züchter betreut wurden.
  • Es gibt nichts Schöneres als die langsamen Annäherungsversuche zwischen Nymphensittichen und seinem Halter. Für echtes Vertrauen gibt es keinen Ersatz.

>> Diese Erfahrungen werden Handaufzuchten verwehrt (klick)!

Was ist die Alternative zur Handaufzucht, wenn man keinen scheuen Vogel möchte?

Küken wir auf der Hand von den Eltern gefüttert
Küken sitzt bei der Fütterung auf der Hand
  • Bei Jungvögeln hat man die größte Wahrscheinlichkeit auf zutrauliche Nymphensittiche, wenn sie aus einer kleinen Zucht mit wenigen Zuchtpaaren stammen. Hier werden alle Küken täglich gewogen, was schon eine gute Basis für ein vertrauensvolles Miteinander ist.
  • Immer wieder wird im Forum von den schnellen Erfolgen durch Clickertraining berichtet. Es braucht nur wenige Minuten am Tag, um das Vertrauen täglich ein wenig zu festigen. Bei den Nymphensittichen geht Liebe durch den Magen, egal ob mit oder ohne Clickertraining.
  • Es gibt viele Abgabevögel. Sie sind an den Menschen schon gewöhnt und zeigen weniger scheu. Manchmal sind sie sogar richtig zutraulich. Aber selbst wenn das nicht der Fall ist, kann man mit Geduld und Einfühlungsvermögen noch viel erreichen. Wählt man als Anfänger ein festes Paar hat man eine weitere häufige Sorge weniger.

Autor: Susi, letztes Update: 15.06.2011