Nymphensittich Wegweiser > Wissen > Ernährung > Pellets & Extrudate

Wissen - Ernährung

Pellets & Extrudate

Mulder frisst Pellets

Unter Vogelhaltern in Deutschland gibt es kaum ein anderes Thema, das so heiß diskutiert wird, wie das Für und Wider der Pelletfütterung. In Deutschland ist das Füttern von Pellets eher verpönt, in anderen europäischen, wie außereuropäischen Ländern ist das Füttern von Pellets an Ziervögel dagegen Alltag.

Ganz allgemein bestehen Pellets aus gepressten, getrockneten und teilweise gemahlenen Futtermitteln, die mit diversen Nährstoffen teils künstlich, teils natürlich angereichert sind. Sie gelten als Alleinfuttermittel, was bedeutet, dass ein Vogel bei alleiniger Fütterung mit Pellets alle benötigten Nährstoffe erhält bzw. erhalten soll. In der Praxis empfieht es sich jedoch zumindest Frischkost zuzufüttern.

Pellets sind also ein Ersatz für so ziemlich alle anderen Futtermittel mit Ausnahme von Frischkost, die wir bisher im Teil Ernährung vorgestellt haben und damit eine Alternative zu unserem Futterplan oder ein Leckerchen, welches man nur in geringen Mengen zufüttert.

Die umgangssprachliche Bezeichnung "Pellets" meint sowohl echte Pellets, als auch so genannte Extrudate. Die wesentlichen Unterschiede zwischen Pellets und Extrudaten liegen in der Verarbeitung der Ausgangsfuttermittel.

Unterschiede zwischen Pellets und Extrudaten

Dreyer beschreibt die Unterschiede im Fertigungsprozess wie folgt:

Vergleich der Produktionsparameter von Pellets und Extrudaten
Prozessparameter bzw. ihre Folgen Pellets Extrudate
Druck kurzzeitig hoch sehr hoch (bis 140 atü) und teils recht lang anhaltend
Scherkräfte kaum sehr stark
Plastifizierung nein ja
Feuchtigkeitszugaben kein oder kaum Wasser erforderlich viel Wasser oder Dampf erforderlich
Temperatur in der Matrize sehr kurz, max. 80 Grad, nur durch Reibung auf längerem Prozessweg über 80 Grad, Kurzzeit-Hocherhitzung auf über 100 Grad nötig
Mechanische Belastung nur Druck vielfältig, zusätzlich schlagartige Entspannung
Fettzugabe über Zutaten oder ölige Konditionierung meist ausreichend oft nur sekundäres Auffetten erzielbar
Vitaminierung ohne Einschränkung
einfach
temperatur- und feuchtigkeitsempfindliche Vitamine nur durch gezielte Einzel-Überdosierung direkt beizumischen oder nach der Formung sekundär aufzubringen mit der Gefahr, vor dem Fressen „weggeschält“ oder „abgelutscht“ zu werden
Verwendung gröberer Partikel und regelmäßiger „Strukturgeber“ gut machbar technisch kaum einzubringen, nur Mehle als Ausgangserzeugnis
Form nur wenig Auswahl Vielfalt möglich
Presshilfen oft notwendig, aber Naturstoffe möglich nicht erforderlich, Stärke bewirkt Zusammenhalt

Quelle: Pellets und Extrudate, Dr. Stefan Dreyer in Sonderdruck Papageien

Im Ergebnis des Fertigungsprozesses ergeben sich nach Dr. Petra Wolf folgende weitere Unterschiede:

Vergleich von Pellets und Extrudaten gegenüber Saaten
Vergleichskriterium Pellets Extrudate
Volumen reduziert reduziert
Oberflächenstruktur glatt sehr rau
Keimzahl vermindert stark vermindert
Staub vermindert  
Stärkeaufschluss teilweise gegeben vollständig gegeben

Man kann also festhalten, dass Extrudate gegenüber Pellets stärker ver- oder bearbeitet und somit weiter entfernt von natürlicher Nahrung sind.

Das Extrudieren erfordert höhere Temperaturen (100 - 130 °C) bei der Verarbeitung als das Pelletieren. Dies führt zum einen zu der geringeren Keimbelastung und zum anderen zu einem höheren Stärkeaufschluss. Pellets sind aufgrund des Stärkeaufschlusses leichter zu verdauen als Saaten und Extrudate wiederum noch leichter als Pellets.

Als erstes Zwischenfazit lässt sich festhalten:
Können Vögel keine Körner mehr verdauen (Megababakteriose - Macrorhabdus ornithogaster, PDD oder sonstige Erkrankungen mit dem Symptom "Körner im Kot") bieten sich die leichter verdaulichen Extrudate als Fütterungsalternative an.

Pro und Contra Pelletfütterung

Weit auseinander gehen die Meinungen bei der Frage der Fütterung von Pellets an gesunde Vögel. Die von den Befürwortern und Gegnern dargelegten Argumente stellen wir nachfolgend tabellarisch dar:

Pro und Contra Pellets & Extrudate
Vergleichskriterien Contra Pellets & Extrudate Pro Pellets & Extrudate
Inhaltsstoffe/Zutaten
  • es ist für den Halter nicht nachvollziehbar, ob die Deklaration auf der Packung (sofern vorhanden) den tatsächlichen Inhaltsstoffen und Zutaten entspricht
  • wissenschaftliche Analysen haben belegt, dass die Deklaration weitestgehend richtig ist
Bedarfsgerechtigkeit
  • Zweifel an der Bedarfsgerechtigkeit, da es nicht für jede Species besonders zusammengestellte Pellets gibt und die Produkte verschiedener Hersteller zudem unterschiedliche Nährwerte aufweisen
  • Verwendung synthetisch hergestellter Vitamine – Sorge vor Überdosierungen bei den fettlöslichen Vitaminen
  • bedarfsgerechte Fütterung im Hinblick auf alle notwendigen Nährstoffe
  • keine Gabe weiterer Futterzusatzmittel zur Vitamin- und Mineralstoffversorgung nötig
    • keine Mangelerscheinungen
    • keine Überfütterung und den damit verbundenen gesundheitlichen Problemen

  • anerkannt vogelkundige Tierärzte sprechen sich aufgrund des guten Gesundheits- und Ernährungszustandes mit Pellets gefütterter Vögel vermehrt für Pelletfütterung aus
  • man sieht die bedarfsgerechte Ernährung am glänzenden Gefieder
Selektionsmöglichkeit
  • keine Vielfalt in der Zusammensetzung (immer gleich)
  • keine Selektion möglich – Verhinderung einseitiger Ernährung
  • keine Futterreste (nicht gefressene Saaten und andere Bestandteile, wie z.B. Kräuter)
Hygiene
  • bei sachgrechter Lagerung und qualitativ hochwertigem Körnerfutter besteht kein Hygieneproblem
  • verbesserte Hygiene des Futters (Mykotoxine, Futtermilben u.a.)
Verdaulichkeit
  • eine Vorverdauung der Saaten im Muskelmagen ist nicht mehr in dem Umfang nötig wie bei Saaten, weshalb bei dauerhafter Fütterung befürchtet wird, dass es zu gesundheitlichen Problemen kommt (Muskelmagen arbeitet nicht mehr)
  • bessere Verdaulichkeit durch den Stärkeaufschluss
Artgerecht
  • nicht artgerecht, da das Futter unnatürlich ist
  • artgerecht, da so eklatante Fütterungsfehler vermieden werden (vor allem Leberschäden und Arthrose oder Gicht, die durch Mangelerscheinungen hervorgerufen werden können)
Schnabelabnutzung
  • keine natürliche Schnabelabnutzung, da dieser kaum zur Nahrungsaufnahme eingesetzt werden muss
  • erfolgt durch die Nahrung sowie frische Äste und andere Hölzer
Federrupfen und andere Verhaltensstörungen
  • kürzere Beschäftigung mit den Futtermitteln und so verkürzte Zeiten der Nahrungsaufnahme
  • kein natürliches Entspelzen der Körner mehr möglich
  • Langweile und Federrupfen oder sonstige Verhaltensstörungen sind wahrscheinlich
  • Federrupfen aufgrund von Mangelerscheinungen ist ausgeschlossen
  • Die Vögel beschäftigen sich auch bei Pelletfütterung lange oder sogar länger mit der Futteraufnahme
Handhabung
  • die ausgewogene Ernährung mit Körnern als Hauptfutter ist zwar aufwändiger und schwieriger, doch wenn man schon Vögel hält, sollte es dem Halter nicht zu viel sein, sich mit der Thematik ausgiebig zu beschäftigen
  • eine reine Körnerfütterung sollte kein Vergleichsmaßstab sein
  • sehr einfach, man kann kaum etwas falsch machen
Umstellung
  • Umstellung der eigenen Vögel ist nicht möglich (fressen keine Pellets)
  • bei vielen Arten ist die Umstellung nicht so schwer wie immer behauptet wird - oftmals mangelt es am Durchhaltevermögen
Kosten
  • Pellets sind sehr teuer
  • es sind keine Zusatzfuttermittel mehr nötig
  • langwierige Behandlungen beim Tierarzt aufgrund von Fehlernährungen werden vermieden
  • Pellets sind so gesehen insgesamt nicht teurer

Viele dieser Argumente waren lange Zeit nicht wissenschaftlich untersucht. Mittlerweile gibt es eine Studie von Dr. Petra Wolf, Dr. Sabine Grambohm und Prof. Josef Kamphausen der Tierärztlichen Hochschule Hannover, Institut für Tierernährung aus dem Jahr 2009. Hier wurden auch Nymphensittiche in die Studien einbezogen.

Umstellung auf Pellets

Nymphensittiche taten sich in den Umstellungsversuchen in der Tat schwerer als andere Arten. Sowohl die radikale als auch die schrittweise Umstellung oder das Anfeuchten mit Fruchtsäften zeigte nicht immer Erfolg. Von 10 Nymphensittichen ließen sich in dem Versuchszeitraum von 14 Tagen nur 4 Nymphensittiche umstellen. Andere Arten ließen sich dagegen ganz problemlos umstellen.

Diese Ergebnisse decken sich mit den Erfahrungen die Nymphensittichhalter im Forum gemacht haben. Möchte oder muss man Nymphensittiche aus gesundheitlichen Gründen auf Pellets umstellen, so kann dies ein schwieriges Unterfangen werden, wenn man keine Zeit hat.

Auf längere Sicht ist es jedoch einigen Haltern möglich gewesen, ihre Nymphensittiche an Pellets als Zusatzfutter zu gewöhnen. Eine Gabe aus der Hand oder die Fütterung aus dem Leckerchennapf kann bei der Gewöhnung helfen.

Weitere Tipps zur Umstellung finden sich hier: Umstellungstipps

Dauer der Futteraufnahme

Leider wird in dem oben genannten Artikel nicht speziell auf Nymphensittiche Bezug genommen. Insgesamt wurde jedoch bei keiner der betrachteten Arten eine kürzere Dauer der Futteraufnahme festgestellt. Lediglich der Rhythmus habe sich geändert, was auf den unterschiedlichen Nährstoffgehalt zurückgeführt wurde.

Eigene Beobachtungen von Forenmitgliedern kommen in Bezug auf Nymphensittiche zu dem gleichen Ergebnis.

Bedarfsgerechtigkeit

Basisinfos zu den Nährstoffen

In wie weit heute angebotene Pelletfuttermittel wirklich bedarfsgerecht in Bezug auf die verschiedenen Arten sind, war leider nicht Thema des besagten Artikels. Hier gibt es noch weiteren Analysebedarf. Auch die Langzeitauswirkungen auf Organe, wie den Muskelmagen, sind nur schwer abschätzbar. Studien mit repräsentativen Aussagen sind aufgrund der benötigten langen Versuchszeiträume nur schwer möglich. Allerdings werden wir hier sicherlich bald auf Erfahrungen anderer Länder zurückgreifen können, wo die Pelletfütterung immer häufiger Alltag ist. Dies gilt sowohl für die Zucht, als auch für private Halter. In amerikanischen Foren gilt man gar als Tierquäler, wenn man Saatenmischungen füttert.

Mittlerweile muss man ebenfalls zur Kenntnis nehmen, dass sich in Deutschland anerkannt vogelkundige Tierärzte für die Fütterung von Pellets in Kombination mit Frischkost (vor allem Gemüse) aussprechen.

Vogelhalter, die aus gesundheitlichen Gründen ihrer Tiere (Megabakterien, PDD) auf Pellets umstellen mussten, berichten von durchweg munteren Tieren. Die behandelnden Tierärzte sehen diese Vögel seltener mit Vitaminen oder Mineralstoffen unterversorgt. Beschäftigt man sich intensiv mit den Bedürfnissen der Vögel, liegen die Problemfelder der Körnerfütterung klar auf der Hand. Sie sind vor allem:

  • zu geringe Calciumaufnahme (trotz Kalk- und Grit)
  • zu geringe Aufnahme von Vitamin A oder seiner Vorstufen
  • zu geringe Aufnahme von Vitamin D, vor allem, wenn kein Ei gefüttert wird und außerdem der Zugang zu UV-Strahlung fehlt
  • zu geringe Menge an Proteinen in der Nahrung, vor allem in der Mauser
  • zu fettreiche Fütterung

Werden Zusatzfuttermittel gegeben, kann die Sorge vor Mangelernährung auch schnell ins Gegenteil schlagen, was zu einer Überversorgung führt, die genauso schlecht ist. Dies scheint in der Praxis allerdings selten vorzukommen. Bei einem kleinen Vogel wie dem Nymphensittich sind jedoch Blutuntersuchungen in Bezug auf Hypervitaminosen (Vitaminüberversorgung) mehr als selten.

Unser Fazit

Wie man sieht, hat jede Fütterungsvariante seine Vor- und Nachteile. Wir möchten hier weder die Pelletfütterung stark propagieren, noch davon abraten. Für eine frühe Gewöhnung der Vögel an Pelletfutter möchten wir uns allerdings aussprechen, da sie den Speiseplan der Vögel genauso erweitern wie jede andere Art von Futtermittel. Weiterhin besteht bei jedem Vogel die Möglichkeit, dass er eine der benannten Krankheiten schon in sich trägt und diese eines Tages ausbricht oder sie durch einen Neuzugang eingeschleppt wird.

Es ist häufig schwierig und langwierig, Nymphensittiche an Pellets zu gewöhnen. Dies ist möglich ohne seine Vögel vollständig auf Pellets umzustellen und kann im Falle des Ausbruchs einer dieser Krankheiten lebensrettend sein. So erspart die frühzeitige Gewöhnung auch dem Halter viel Kummer. Die Erfahrung zeigt, dass die Zeit für eine Umstellung auf Pellets nach Ausbruch der Krankheit womöglich nicht reicht.

Mancher Schwarm benötigt ähnlich wie bei der Gewöhnung an Obst und Gemüse bis zu einem Jahr, um das neue Futtermittel anzunehmen.

Quellen:

  • Samenmischungen = "Vollwertkost" für Papageien?, Dr. Petra Wolf, Prof. Dr. Josef Kamphues, Tierärztliche Hochschule Hannover, Sonderdruck Papagein, 2001
  • Pellets und Extrudate, Dr. Stephan Dreyer, Sonderdruck Papageien, 2001
  • Extrudate und Pellets - Futtermittel der Zukunft?, Dr. Petra Wolf, Dr. Sabine Graubohm, Prof. Dr. Josef Kamphues, Tierärztliche Hochschule Hannover, Papageien 11/2009

Autor: Susi, letztes Update: 02.06.2011